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| Harestore | - K.Manzke 2000 |
Die verteufelte Sehnsucht
Helga Meister über die Kunst der Andrea Lehmann
Andrea Lehmann sprudelt geradezu ihre Bilder heraus, riesengroße und klitzekleine. Es sind keine coolen und keine Comics, keine Abbilder der Wirklichkeit und keine Computer-Ausdrucke, sondern supermoderne Seelenspiegel. Mädchenbilder im grünen Wald, viele Selbstporträts, aufgesplittert allerdings in gute und böse Ichs. Kitsch pur herrscht da, aber kombiniert mit Ursprünglichem. Alles wirkt überzogen und doch verletzlich. Die Motive stammen aus dem Internet und der eigenen Phantasie. Sie sind herzzerreißend schön und übersteigert.
Michael Schirner, kreativer Werber aus Düsseldorf, verglich bei einer Ausstellung in seinen Privaträumen ihre Motive mit japanischen Shojo Mangas, das sind Mangas für Mädchen. Hier wie dort herrschen Übertreibungen und übermäßige Gefühle im imaginären Raum. Diese Shojo-Mangas sind in der Regel Schulmädchen-Geschichten voller Liebe und Sehnsucht, gefühlig und ohne Ziel. Romantik für Kids und Teenager. Zuweilen nimmt die 27-jährige Düsseldorferin diese Quellen als Inspiration oder als Bestätigung.
Als Kind hatte sie eine japanische Freundin, 1999 besuchte sie die Familie in deren Heimat. In Düsseldorf wohnt Andrea Lehmann unweit vom japanischen Kultur- und Wirtschafts-Zentrum. Dort bewundert sie in den Läden und Supermärkten die Kunst der Verpackung, den Augenschmaus der Fertiggerichte, Fischsorten und Sushis. Sie holte sich Stoffe, Folien, Glas und Farben und baute etwa einen "Goldfischautomaten" als zweiteiliges Objekt nach. Eine Mischung aus Sperrmüll-Hausrat und Konfektstücken. Zwischen Folien, durchlässigen Papieren, Gläsern und Pappen wurden ihre Farben kostbar. Es entstanden Ölbilder wie "Goldfischfutter", "Froschfutter" und Krebsfutter", die sie anschließend wie Geschenkartikel in Folien verpackte. Sie wirken wie bunte, leckere Appetithappen. Die Studentin konnte sich allein schon bei dem Gedanken amüsieren, etwas ganz Kleines einzuwickeln, das vielleicht gar nicht schmeckt und gar nichts taugt, aber "super" aussieht. Die Bildchen, Labels und Gebrauchsanweisungen mit den neonfarbenen Preisschildern wurden in der Düsseldorfer Galerie Tedden bei einer Gemeinschaftsausstellung im Jahr 2000 zu Spottpreisen abgegeben, so, als gehe es tatsächlich nur um die Verpackung.
Sie holte sich vom Sperrmüll am Heerdter Lohweg Decken, nähte sie zusammen, schnitt ein Loch ein, stopfte es mit gekochten und verschimmelten Nudeln, streute Trockenblumen ein, bedeckte die Öffnung mit Folien und nannte das Ganze "Blumensuppe". Eine ziemlich ekelige Geschichte - aber auch ein erster Schritt, über das bloß Neckische hinauszukommen. Der Wunsch, die gerade erst aufgestellten Spielregeln zu verderben, ist typisch für sie.
Sie liebte als Studentin billige Materialien, die Folien fürs "Hasenfutter" und die Möbel vom Sperrmüll und Flohmarkt, die Pappkartons für die "Fellcreme" mit der weißen Nerzmütze für den Deckel. Alles wurde eingefärbt und aufgeklebt zu Krabbenköpfen, künstlichen Kirschblüten, Käsekartons. "Schön und bescheuert", so lautete ihre anfängliche Devise.
Von den Reklame-Labels zu den Mangas war es kein großer Schritt, wenn man sich im Internet gut auskennt und weiß, wo man derlei Images findet. Sie benutzt Gebrauchsanweisungen und Texte, Models aus Zeitschriften wie der "Petra" und Sex-Journale, Kunstblätter, Mode- und Kosmetik-Abbildungen, Perücken aus Haarläden und Schminkbilder. Den Unterschied zwischen "Low" und "High" kennt sie nicht, denn mit derselben Begeisterung kümmert sie sich um gefühlvolle Regungen klassischer Märchen wie Dornröschen oder Schneewittchen. Alles interessiert, was eine bestimmte Atmosphäre erzeugt.
Sie studierte bei Markus Lüpertz in dessen "Macho-Klasse", wie Studentinnen den Betrieb beim Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie oft abfällig nennen. Ihr Lehrer ließ sie in Ruhe, kommentierte kaum etwas. Sein einziger Leitsatz: Sie solle weiter machen. Sie setzte sich ab, malte im eigenen Atelier an der Peripherie der Stadt, das sie sich mit einigen Kommilitonen in einer ungeheizten, großen Industriehalle teilt. Bei ihrem letzten Rundgang in der Kunstakademie Düsseldorf, 2002, hängte sie auf den Flur eine kostbar gekleidete Geisha, die von Tigern angefressen wird. "Frau jagt Tiger" ist ein Ölbild auf einem simplen Betttuch. Es enthält ein böses Spiel mit den Klischees einer Geisha als Liebesdienerin und mit Tigern als Königen der Wildnis. Komisch ist die Situation im Wasser, weil der Betrachter nicht genau sagen kann, wer da wen zu Tode reißt, welches Tier zu welchem Körper gehört. Im Mit- und Übereinander der Farbschichten bleibt dies bewusst undeutlich gehalten. Die schönen Katzen und die im Kimono eingewickelte Geisha driften einem gewissen Kannibalismus entgegen - über und unter dem Wasser. Ein kostbares, ästhetisch vollkommenes Rendezvous von Opfern und Geopferten in einer perfekt inszenierten Welt, die zwischen Wasser und Land, Untergang und triumphalem Sieg nicht unterscheiden will.
Was ist das für eine Person, die sich in Reklame, Illustrierten, Mangas, Sagen, Volksbüchern und Heiligenlegenden auskennt und Märchen verinnerlicht, für die Büßerinnen und Böse, Heilige und Heuchler aus dem Mittelalter wie der Romantik selbstverständlich sind? Zunächst einmal ist sie eine schöne Frau, die so verliebt in ihre Schönheit ist, dass sie ihre Gestalt, ihre langen Haare, ihr modisches Outfit, ja selbst die Lippenstifte und Kosmetika in die Szenen einbringt. Doch wehe, wer ans bloße Abbild glaubt, die Verwandlungen sind blitzschnell - wie im Bild vom "Haareschneiden" (2002), einem Meisterwerk aus jüngster Zeit. Sie hält die blutrot-braunen Strähnen, sticht mit der spitzen Schere fast in den Kopf, hat das blutende Opfer unter sich und das Konterfei gegenüber. Der Spiegel macht aus der einen Frau ein Dreierbildnis, eine Anna Selbstdritt, eine Gruppe von drei Parzen, der vierte Kopf ist nur noch als Hinterkopf zu sehen.
Andrea Lehmann liebt derlei Verschränkungen. Zwischen Schneiden und Geschnitten-Werden, Macht und Machtverlust ist da kein großer Unterschied. Die Täterin ist blauhaarig, das Opfer rothaarig. Die Schneidende hat böse Augen, ihr Konterfei en face wirkt dagegen fast neutral. Die Malerin hatte die Spiegelung zuerst gemalt, wohlwissend, dass auch Schneewittchen mit einem Spiegel hantiert. Sie verquickt Schneewittchen und die Stiefmutter. Die Frau mit dem abgeschnittenen Haar ist ein Alter ego, die Hand ist isoliert, wie angenagelt, wie stigmatisiert, in der linken, oberen Ecke hängt ein Kreuz. "Ganz katholisch", nennt Andrea derlei Situationen. Blut strömt aus dem Haar. Am Gemälde klebt ein Büschel realer, aber blonder Haare, sie stammen offensichtlich von einem engelsgleichen Schneewittchen. Haare als Fetisch. Wenn Haare abgefallen sind, ist es ein Todessymbol. Die Rothaarige hat in ihrer Nähe eine Chorschranke, ein altes, aufpoliertes Möbelstück aus Holz - wie aus einem französischen Schloss. Um dieses Milieu aus Gefühl und Horror, Kitsch und Schönheit zu betonen, wird im Hintergrund eine gemusterte Seidentapete ansichtig. Das Ambiente einer düsteren, alten Wohnung ergibt sich in der es spukt. In solchen Räumen können die Täter die Opfer sein und umgekehrt, egal, ob im schwarzen oder weißen Habit. Die Szene ist wie im Theater aufgebaut. Die junge Malerin erinnert sich, wie sie mit der Mutter spielte, während der Vater fotografierte.
Ein ausgefuchstes Bild, doch dann lässt sich die Autorin ertappen, wie sie im Privatleben an einem Stück Flauschstoff wie ein Kind schnüffelt. Das Nuckeltuch ist der letzte Rest eines plüschigen Hasen, von dem sie ein Ohr aufbewahrt. Der Stoffrest passt zu Motiven wie Hase und Reh, besonders zum Rehkitz, von dem sie sagt: "Ein Rehkitz gibt etwas Liebes vor, etwas Putziges." Auch eine gewisse Poesie, die dem Normalbürger beinahe peinlich, auf alle Fälle unangenehm ist. Sie beschwichtigt sogleich: "Ein Rehkitz ist ein typischer Waldbewohner, es gibt eine ruhige Stimmung. Es hat auch etwas Kitschiges."
"Todesrehe" (2002) bewachen die hingegossene Mädchenleiche im Wald. Die junge Frau trägt ein Dekolleté-Kleid wie ein Unterhemd. Es schillert lachsfarben und weiß, wie das Innere eines Fisches, wie eine Partie zerfetzten Unterleibs. Vergleiche zur Vagina stellen sich unbewusst ein. Das Innere des Bauches scheint nach außen gekehrt, die Farbe perlt und schäumt förmlich über dem Unterholz. Das bleiche Gesicht wirkt wie vom Blitzlicht getroffen. Was für eine Theatralik! Die Tote segelt diagonal ins Bild, der nackte Fuß zielt zur rechten oberen Bildkante, der Kopf driftet in die entgegengesetzte Richtung. So dramatisch kann ein Tod sein, so prächtig aufgeputscht die malerische Ästhetik des rosaroten Kleid-Fleisches. Da triumphiert das Verderbliche. Andrea Lehmann reizt ihr Thema aus. Die Schöne lacht ein irres Lachen, sie lacht sich tot. Sie wirkt, als liege sie kichernd auf dem Boden.
Den Rehen macht dies alles nichts, sie halten die Ohren gespitzt. Eines liegt, mit dem Blick den Betrachter fesselnd; das andere äst in staksiger Haltung, als sei nichts gewesen. Der Betrachter gewinnt den Eindruck, als spüre er selbst die Szene im Wald auf, die friedlich und erschreckend zugleich ist. Im Vordergrund hocken ja nicht nur die Rehe, sondern liegt auch ein Schuh, vom tiefen Fall des irre lachenden Mädchens kündend.
Ständig versucht der Betrachter, selbst in die Szene einzudringen, um sie zu verstehen. Doch Andrea Lehmann lockt und riegelt ab. Sie demonstriert die andere, die unwirkliche, die nur gemachte und nicht gedachte Welt, indem sie den Wald der vielen Bäume wie einen Kulissenzauber präsentiert und entlarvt. Das Waldstück könnte ein Vorhang sein, der sich aus irgendeinem Bühnenboden für Shakespeares "Macbeth" ziehen lässt. Damit noch nicht genug, werden malerische Flecken gesetzt, eine theatralische Attitüde auch dies.
Das Irritierende aber ist die Selbstverständlichkeit der Bilder. Jeder, ob Mensch oder Tier, agiert dort in seinem Reich, nicht in unserem. Andrea Lehmann lässt es offen, wer von außen eindringt und wer schon da ist. Dieses Wechselspiel von innen und außen, von Wasser und Erde, Körper und Haut, Welt und Ich macht die Bilder so unbegreiflich. Man muss sie hinnehmen. Kinder tun dies so und Künstler erst recht, die ihre Bilder spontan kaufen, weil sie so selbstverständlich sind. Sie hängen sich ein Rehkitz ins Schlafzimmer, weil das Tier auf der Leinwand auch schläft. Ein Normalmensch zögert da eher, ob er sich so viel tierische Liebe gönnen kann. Künstler lieben die Poesie, auch wenn sie nicht ganz geheuer ist.
Ihre Bilder haben eine Menge mit dem Traum zu tun, sie funktionieren ähnlich. Sie sind Symbole für Zustände. Sie wollen nicht verstanden werden. Sie lassen die Fragen offen. Warum ist das Mädchen im Wald, wen hat es da getroffen, wie hat es reagiert, ist es Opfer oder Täter? Fragen über Fragen. Der Mensch agiert auf ihren Bildern nicht als Handelnder, sondern als Gegenstand. Wir müssen die Fee mit den Rehen akzeptieren, auch wenn sie beinahe durchgeknallt wirkt. Im Düsseldorfer Hofgarten gibt es eine Frau, die die Enten füttert und den Tauben sagt, sie müssten warten. Bei ihr ist es eine Genoveva aus Wahnsinn und Einsamkeit, die mit Rehen durch den Fluss latscht. "Rehe sammeln" (2002), so der Titel, was soll das? Eine Blondine im theatralischen Aufputz vor der Waldkulisse, die dem Reh am Ohr zieht. Eine holde Weiblichkeit, barfuss wie eine Elfe, mit langem, wehendem Haar und einem Spitzenkleid, das von einem Couturier stammen könnte. Unter dem Rock lüftet die Grazie wie zum Tanz den weißen plissierten Unterrock. Sie könnte geradewegs aus einem Roman des 19. Jahrhunderts entsprungen sein, aus dem lässig und doch auch raffiniert gemalten Wald mit den geperlten Farbinseln und Farbspritzern, die so wirken, als habe die Malerin den Föhn zum Trocknen der Ölfarbe genommen.
Bei "Rehe sammeln" wird die weiße Braut im grünlich-weißlichen Bach zur Fee, zur Ophelia, zur Wassergöttin, und ihr Kleid zur Schaumkrone. Im Symbolismus tauchten derlei Schöne auf und unter. Bei Andrea Lehmann gleitet die eine Figur wie ein leicht plätschernder Wasserfall aus 2,60 Meter Höhe herab. Die Rehe riegeln den gleitenden Rhythmus des Bildes ab, sie stoppen den Fluss der Zeit und des Raumes. Sie halten an und halten inne. Selbst in der Komposition demonstriert die Künstlerin Gefühligkeit, scheint doch das Bild mitsamt der Spiegelung ohne Anfang und Ende zu sein.
Die Großformate ermöglichen ein Eintauchen in die Szene. Sie verleihen diesen überlebensgroßen Ophelia-Typen aus Romantik und Fantasie ihre Daseinsberechtigung. Schön und traurig stehen und liegen sie, mit Schildkröten oder Hasen, Ratten oder Füchsen, Rehen oder Fröschen in einer vielschichtigen, algenreichen, mal transparenten, mal opaken, gespritzten und verlaufenden Malmasse schwimmend. Im kostbaren, aber doch auch rätselhaften Verschnitt aus klassischem Märchen, Klischee und Kitsch.
Selbst die Wasserleiche ist schön, die Künstlerin spielt in diesen Motiven die Malerei aus. Wie sieht die Haut aus, wenn sie im Wasser liegt? Wie kann sie sich empor wölben, wie bleich ist sie in den tieferen Schichten? Was geschieht mit den aufgeklebten Haaren im Vergleich zu den bloß gemalten, werden sie tatsächlich zu einer Reliquie? Haare, in den Dammarharz geklebt, sind scheußlich, selbst wenn die Frauenfotos aus Zeitschriften wie "Elle" oder "Marie Claire" genommen sind. Zuweilen ist nur das Wasser gefirnisst, die Figur selbst nichts als Farbe. Wie schön ist das Schreckliche, wie lebendig kann das Tote sein?
Immer haben die Bilder eine merkwürdige Aufsicht. Es ist, als ob man als Betrachter auf einem Erdhügel steht und beim Hinabschauen Fotoaufnahmen macht. Andrea Lehmann nimmt Fotos als Ausgangspunkte, wenn sie etwa im Wald mit den Freunden Theater spielt und später daraus ein Bild entwickelt. Es ist ihre Aufsicht, malt sie doch ihre großen Leinwände auf dem Boden, wo das leichte Hinübergleiten der Farben besser zu meistern ist als an der Wand, an der die Farben herunter laufen würden.
Neuerdings gibt es neben dem extremen Hochformat auch kolossale Breitformate. Da lehnt eine Frau an ihrem eigenen Sargdeckel ("offenes Grab"), vor sich die Steineinfassung des Grabs, aus dem sie wie heraufgespült erscheint. Ein merkwürdiges Licht erfasst sie en face. Die Frau ist tot, sie hat Blutflecken auf dem weißen Wickelhemd mit den feinen Falten - wie von Andrea Mantegna. Sie blickt ins Nirgendwo, vor sich eine abschüssige Lichtung, dahinter eine Treppe zu einem gespenstisch erleuchteten Wohnhaus, im Hintergrund das Stakkato von Bäumen. Eine theatralische Szene mit dem Haus als Spukschloss. Falls sich die Schöne tatsächlich aus dem Grab erheben sollte, würde sie versuchen, ins Haus zu gelangen, aber unterwegs auf dem Boden abrutschen, weil die Farben so transparent sind. In der Mitte des Hintergrunds schießt ein Mond sein kaltes, stechendes Licht wie ein Blitzlicht auf die Szene. Am unteren Bildrand riegelt ein Grabstein das Panorama ab. In lateinischer Schrift ist da das Wort "sacred", "geheiligt", auf dem graugrünen Sandstein zu lesen. Es ist, als würden die Gräber wie im Vampir-Szenario aufgehen. Andrea Lehmann fand später im Internet das Motiv der japanischen Fuchsgöttin Inari, die auf einem Hügel in einer Höhle wohnt, zu den Menschen kommt und ihre Häuser beschützt. Es seien archetypische Bilder, sagt sie, die man nicht wisse, aber spüre.
Alles ist in Ölfarben gehalten, dann und wann angereichert mit Schellack, den sie in Terpentin auflöst.(Spiritus) Sie hantiert mit den Farben traumwandlerisch, schüttet die aufgelöste, dünne Sauce über die Ölfarb-Oberfläche, um sich zu freuen, wenn Risse entstehen und die obersten Schichten aufplatzen. Ein wohlkalkuliertes Zerstören der Farbhaut, ähnlich dem Zerfleischen im Bild der Tiere mit der Geisha. Aber auch perlende Wassertropfen verdrängen die Ölfarbe und bilden beim Trocknen hellere Punkte. Stets geht es um ein Öffnen der Farbhaut, nicht um ein Zukleistern.
Immer werden Irritationen eingearbeitet. So löst sie Dammarharz in Terpentinöl auf und lässt ihn stehen, bis er so schmierig wie Kleber ist. Dann wird wenig Farbe hinzugenommen, so dass sich eine transparente, relativ "sämige Sauce" ergibt. Dieses dickflüssige, klebrige Malmittel trägt sie als oberste Schicht auf. Es entsteht der Eindruck eines alten, gefirnissten Bildes, das nicht richtig restauriert worden ist. Das Bild vom Haar-Schneiden etwa erhält dadurch einen etwas ekligen Charakter, allein schon durch die aufliegenden Blondhaare.
Shakespeares Frauen oder Genoveva von Brabant finden sich in den verschiedensten Grüntönen des Waldes wieder. Das Waldpanorama dient als Kulissen, um daraus die Farben für all die Rehe, Füchse, Frösche und schöne Frauen zu entwickeln. Hier wird "Fuchsgeburtstag" gefeiert. Die Braut sitzt im weißen Tüll mit allen Attitüden des Weiblichen, in Erwartung des Geliebten. Sie arrangiert die Torte mit den acht Kerzen wie zum Kindergeburtstag. Der Fuchs aber wirkt wie ein Comic-Gesicht auf der Marzipantorte, eine Figur zum Naschen also. Er liegt im Erdbeer-Creme wie ein Schweinskopf im Gelee, der in der leckeren Nachspeise ersoffen ist. Das Mädchen bringt ihm Geschenke mit, in einer billigen Plastiktüte allerdings, tote Vögel und Hasen. Es hat das Kleid hochgeschlagen, so dass die Beine und Oberschenkel sichtbar werden. Ein Bein ragt staksig ins Bild. Der dicke Zeh hat roten Nagellack, ein Zeichen dafür, dass die Schöne offensichtlich aus der Stadt in die "Natur" entflohen ist. Der Zeh ist krumm, als habe die Frau den Stöckelschuh gerade erst ausgezogen. An den nackten Beinen liegt noch der Schlagschatten vom Foto, das die Autorin Andrea geschossen hat. Die Beine wirken wie Elfenbein, wie die Politur einer Statue. Ein seltsames Bild, wie alles von Andrea Lehmann stark klischeehaft. Da agiert das schöne Mädchen im Wald, obwohl es ganz bewusst aus einer anderen Welt stammt; und der Fuchs kommt vom Konditor.
Neuerdings verlaufen die Farbmixturen aus Ölfarbe, Wasser und Schelllack, einige Partien wirken dadurch unscharf und bewegt. Schleier ziehen durchs Bild. Wie beim menschlichen Sehen oder bei einer Kameraeinstellung werden bestimmte Bildelemente herausgehoben, fokussiert, wie das Gesicht der Frau im Wald oder die verheißungsvollen Kosmetikprodukte im Regal der Parfümerie.
Die Bilder werden dramatischer in der Komposition. Der Tintenfisch aus dem Internet lodert durch das Bild, der Tiger stürzt in der Diagonale hinzu. Immer wieder gibt es Figuren, die abrutschen. Die Großformate liegen auf der Erde, die Farben werden zunächst im groben Rahmen angelegt, das Bild wird aufgeteilt. Die einmal aufgetragene Farbe bleibt. Kommt Schellack hinzu, so zerfetzt er die Farben, macht aus einem Stoff eine Spitze. Beim "Psychomann(Psychmann) mit Leiche" liegt die weibliche Leiche im Kofferraum, der "Psychomann" ist ein Nachtgespenst, das versucht, die viel zu langen Beine zu verstauen. Ein brutales Bild, man weiß nicht, ob der Wicht die Frau angefahren hat oder ihr hilft. Er trägt ein Irrenhauskleid mit den Bändchen am Rücken, er sieht in dem Umhang wie ein Geist aus. Oder träumt sie die Szene nur? Das Neue an dem Bild ist das Leuchtrot. Es erhellt das Bild, ohne ihm einen Sinn zu stiften.
Verteufelt schön in ihren Abgründen und Sehnsüchten, in ihrer Liebe und ihren Mordgedanken sind diese Bilder.
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zur Ausstellung Fische Futter :
"Die Andrea lebt mit einem echten Hasen zusammen und nimmt ihn auch mal gern mit ins Bett", verrät die Galeristin Anna Klinkhammer. In den Ausstellungsräumen der Galerie Klinkhammer und Metzner sind zur Zeit Arbeiten der Düsseldorfer Künstlerin Andrea Lehmann unter dem Titel "Fische Futter" zu sehen. 27 Gemälde, Öl und Schellack auf Nessel, 19 kleine, acht zweieinhalb
mal anderthalb Meter große Formate, allesamt 2002 gemalt.
Im Mittelpunkt stehen sechs Frontalaufsichten einer im Wasser liegenden Frau. Unfall, Mord, vielleicht Schlaf oder Traum? Die Bilder liefern keine eindeutige Auskunft.
Grün und Blau leuchten die verschiedenen Stufen der Skelettierung. Stille Zeugen des Geschehens sind Goldfische, Frösche, Rehe, Ratten, ein Fuchs, eine Schildkröte. Und da ist auch der Hase in einer zarten Umschlingung mit der schönen Ophelia. Das berühmte Gemälde der Geliebten Hamlets des Pre-Raphaeliten Sir John Everett Millais stand hier Pate.
Auf das stille Gluckern, Sprudeln, Quaken folgt im anschließenden Raum orgiastisches Gebrüll, Fauchen und Gurgeln. "Tintenfisch frißt Tiger" heißt das monumentale barocke Schlachtengemälde. Doch es sieht eher aus als ob das Raubtier in diesem Kampf auf Leben und Tod das Oberwasser behält. Scharfe Klauen, gierige Greifzähne in weit aufgerissenen Schlünden umschlungen von riesigen Fangarmen. Grellrot leuchtet das Tigerfell in der abgrundblauen Tiefe des Ozeans. Was nebenan noch feuchter Traum war, steigert sich hier zu martialischer Vereinigung. Dem gegenüber : "Frau jagt Tiger". Auch hier trügt der Titel. Die Raubkatze überfällt
eine gesichtslose Geisha und bringt einen abgebissenen Fuß in Sicherheit.
Gekonnt verbindet Andrea Lehmann Einflüsse symbolistischer Künstler der Jahrhundertwende, wie Stuck oder Klimt, mit Kompositionsmitteln des japanischen Holzschnittes. Gleichzeitig schöpft sie aus den Bildwelten des Trickfilms und japanischer Mangas und Computerspiele, Spuren eines längeren Aufenthaltes in Tokyo. Als Malvorlagen für die Tierdarstellungen dienen Abbildungen aus Büchern und Tierposter.
Die 26 jährige Meisterschülerin von Markus Lüpertz, die ihr Kunststudium von 1995 bis 2002 an der Kunstakademie Düsseldorf absolvierte, beherrscht ihre Technik bereits bravourös. Sie verwendet eine Mischung aus feiner naturalistischer Malweise und einer aus dem abstrakten Expressionismus bekannten Sprüh-, Spritz- und Drippingtechnik. Die Leinwand liegt während des Malvorgangs auf dem Boden. Ein Schuhabdruck als Stempel, um Fischschuppen darzustellen, ist genauso Teil des Gestaltungsprinzips, wie die Einarbeitung echter Haare oder die Verwendung von Kinderbettwäsche mit Comicmotiven als Malgrund.
Der Einfluss der modernen Medien, Film, Fernsehen, digitale Bildbearbeitung ist in der Über- und Nebeneinanderlagerung verschiedener Ebenen spürbar. In dem Gemälde "Untergehender Hase" kreuzen sich unterschiedliche, aufeinanderfolgende Zustandsmomente der dargestellten Figur. Ein ertrinkender Hase sinkt auf den Grund eines Gewässers, verflüssigt sich im Flüssigen, den Goldfischen zum Futter, eingebunden in den ewigen Kreislauf der Natur.
Die Ausstellung ist nur wenige Tage nach der Vernissage so gut wie ausverkauft.
"Andrea geht ab wie eine Rakete", freut sich die stolze Galeristin. Das glaubt man ihr gerne. Eine Flugbahn, die es zu verfolgen gilt.
Motivisch bis in die letzte Konsequenz durchgearbeitet und von wuchtiger Entschlossenheit sind allein die großflächigen Jagdszenen von Lüpertz-Schülerin Andrea Lehmann, die im Erdgeschoss prominent gehängt sind: da streifen Tiger durch unwirtliche Dunkelheit, warten Beuteopfer auf ihren Exitus.
zu www.hareart.de 11/2001 :
Nach der Darstellung der leuchtenden fernöstlichen Konsumwelt in Form von riesigen bunten Goldfischautomaten, Tierfutterpackungen und Tütensuppen (sowohl Bilder als auch Objekte) zeigen Andrea Lehmanns Bilder nun Tierszenen. Auch hier tauchen immer wieder moderne oder klassische Elemente der japanischen Kultur auf, mit der die Künstlerin eine enge Verbundenheit hat.
Es sind nicht einfache Jagdszenen oder Tiere dargestellt, sondern lebendige Spiegel zwischenmenschlicher Konflikte und Situationen des Lebens. die Tiere mit ihren unterschiedlichen Charaktereigenschaften verlassen auf den Bildern oft ihr eigentliches Element. So verschwimmen die Abgrenzungen zwischen gut und böse, stark oder schwach. Durch den Einbezug sowohl vergangener, als auch zukünftiger Momente verliert selbst die Zeit für den Betrachter ihre strenge Einengung.
die künstlerin faszinieret mit ihrer malerei nicht nur durch die verwendung untypischer materialien, wie echten kaninchenhaaren, sondern auch durch den geschickten einsatz von schellack, der ihr ihren ganz speziellen charakter verleiht.
In den neuen Bildern von Andrea Lehmann ist es oft das Motiv des Tigers, das die Themen trägt. Die Präsenz dieses grossen Tieres, in Ruhe oder Aktion, bringt die oben genannten Gegensätze zur Kulmination und löst sie gleichzeitig auf. Ein wichtiges Moment der aussergewöhnlichen Malerei Andrea Lehmanns kommt in diesem Zusammenhang zum tragen: die Art und Weise wie sie es schafft, Prozesse darzustellen.
Abläufe, die nicht nur Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, sondern auch schon
Jenseitiges als Momentaufnahme zeigen. Durch die absolut gelungene Darstellung dieser
scheinbar paradoxen Gleichzeitigkeit allen Seins kann die Auflösung der Gegensätze
leben/sterben, töten/getötet werden, nachvollzogen werden. Dabei erinnert das Gezeigte an
eine fernöstliche Sicht dieses Themas, als ein Geschehen in Kreisläufen. Vor diesem
Hintergrund strahlen die Bilder trotz der oft drastischen Darstellung eine große innere
Ruhe aus; der Betrachter kann sich angesichts der beeindruckenden Kampf-Tötungs-Blutszenen
auch an diesen Punkt führen lassen. Dann allerdings ist er längst schon in der magischen
Bilderwelt der Andrea Lehmann verloren. Auf den Bildern Andrea Lehmanns findet Leben
statt. Meiner Meinung nach feiern sie das Leben.
Andrea Lehmann malt Wesen die mit etwas beschäftigt sind, jedes für sich, zusammengehörig durch das System in dem sie leben (Landschaft, unterirdische Gänge und Höhlen, Meerestiefe, Wolken). Ihre Wesen sind Tiere, vornehmlich Hase, Fuchs, Marder, lltis, aber auch Meerestiere wie Oktopus, Krebs, Fische... Es gibt Bewohner des Systems und es gibt Eindringlinge, Tiere die auch in die Landschaft gehören, aber eine tödliche Bedrohung darstellen und damit das übergeordnete System schließen, in dem Leben und Sterben, durch Raubmord oder aus nichterkennbarem Grund, nebeneinander existieren, ohne irgendeine Aufregung oder gar Flucht aus dem System auszulösen. Buddhistische Hingabe an das Sosein des Daseins nicht Gut - Böse einfach Leben - Leben - Sterben. So stellt sich das Weltbild jedenfalls dar in dem großen, aus sechs Einzelformaten zusammengesetzten, initialen Hasenbild das den schönen Titel Hasenrasen, Erde, Schnee 'trägt. Die kargen Landschaften, als solche nur erkennbar durch Weite und ungerichtetes Licht. Sie gehen eine symbiotische Verbindung ein mit AL s bevorzugter Malweise : Drippings und Spritzer mischen sich mit kontrolliert gemalten Farbpunkten, so entsteht Schnee, Flocken-und Gestöber, Luftblasen im Wasser und so entstehen die dramatischen Blutspuren und Spritzer wenn der Fuchs den Hasen tötet und mitschleift. Die Szenerien und besonders ihre naturalistisch gemalten Akteure könnten unserer oder einer älteren Welt entnommen sein es war einmal .... und trotzdem muten sie seltsam in ferner Zukunft angesiedelt an, eine Gesellschaft nach unseren Gesellschaften. Es ist vielleicht die Mischung aus feiner naturalistischer- und eher aus der abstrakten Malerei bekannten Spritz-und Drippingtechnik, die, obwohl ganz und gar malerisch durchgearbeitet, an Bilderwelten von Trickfilmen und (japanischen) Comics erinnert. So kommen auch die Tiere (als Malvorlagen dienen Abbildungen aus Büchern, Tierposter etc.) selbstverstänlich gleichermaßen auf Bildschirmen, in vermeintlich natürlicher Umgebung oder als ihrerseits Abbildungen auf Tierfutterpackungen und Automaten vor.
Inspiriert von der Formsprache des japanischen Holzschnitts und der japanischen Raumkunst, der Sprache der futuristischen Mangas und Computerspiele sowie der sinnlichen, bunten, kitschigen Welt der amerikanischen und japanischen Verpackungsästhetik, geht die hier gezeigte Werkschau Andrea Lehmanns eine eigentümliche Synthese von Tradition und "Neuer Welt" ein.
In ihrer Malerei zitiert sie gekonnt die traditionelle japanische Formenlehre und Motivik und
kombiniert diese mit einer breiten Palette von Maltechniken und Stilen, die bis zur Comicsprache reichen und ihren ganz eigenen naturalistisch gemalten,
irrealen Szenarien. In den Arbeiten der letzten Jahre taucht immer wieder der Hase als
zentrales Motiv in den Bildern Andrea Lehmanns auf. Er befindet sich meist in einer
bedrohlichen Situation; von Mardern verfolgt oder angegriffen von Tintenfischen. Gespickt
sind diese Darstellungen mit Zitaten japanischer Motive wie stilisierten kargen Bäumen,
Kirschblüten oder dem nebelumwobenen Fujiyama. Gegenpole wie Verletzlichkeit und Stärke,
Fell und glatte Oberflächen, Kälte und Wärme etc., tauchen in all ihren Bildern auf und sind
zentrales Augenmerk ihrer Malerei. Keineswegs die stringente Auslegung des Dargestellten
ist hier angestrebt, sondern vielmehr die malerische Umsetzung eben dieser Antagonismen, die
sich über das Geschilderte hinaus auch auf formale Aspekte, respektive Sprüh-, Spritz-,
Lasur-, Stempel-, Tupftechniken beziehen. So baut sich der Körper der Tintenfische aus
mehreren Farbschichten, inspiriert von altmeisterlicher Maltechnik, auf, und lässt den
Betrachtenden die glänzende, glatte Oberfläche der uns fremden Meerestiere erahnen. Die
Farbe der Fellpartien des Hasen ist hingegen geflockt und an den Pfoten und der Schnauze
pastös aufgetragen. In der Vorstellung der Betrachter reift diese Materialästhetik zu
sinnlicher Erfahrung.
Eine wahre Lust an der bunten, kitschigen Warenwelt kennzeichnet ihre teils überdimensionierten Tierfutter- und Fertigsuppenverpackungen. Dabei ist der Blick hierbei nicht -wie anzunehmen wäre- von kritischer Natur, vielmehr entwickelt sie ein liebäugelndes, humoristisches Spiel, welches auf einer Dechiffrierung der Werbestrategien basiert. Wie in ihrer Malerei ist hier nicht das Was (ist dargestellt), sondern eher das Wie (ist es dargestellt) entscheidend, ein Aspekt der mit der gängigen Werbestrategie Hand in Hand geht. So werden Schriftzüge bewußt unkenntlich gemacht, indem sie durchgestrichen werden oder sich kaum von ihrem Hintergrund absetzen. ihre Objekte sind als Kunstobjekte erkennbar und gehen einen anderen Weg als die Warholschen Brilloboxen. Dies wird durch ihre Überdimensionierung, sowie die der Warenwelt fremden Verpackungsmaterialien wie bunte, geblümte Plumeaus oder ein bunter instabiler Kellerschrank, der zum Fischautomaten umfunktioniert wird und der teils bewußt nachlässigen Bemalung, evoziert.