Exotische Igel in der Tierarztpraxis

 

Kornelis Biron

 

Tierarztpraxis Biron, Düsseldorf, www.reptilientierarzt.de

 

Exotische Igel

atelerix.jpgVerwandte unseres einheimischen europäischen Igels (Erinaceus europaeus) werden in Deutschland in  Privathand als Terrarientiere gehalten. Hierbei handelt es sich zumeist um afrikanische Igel der Gattung Atelerix, die vier Arten umfasst. Auf A. albiventris, den Afrikanischen Weißbauchigel, soll im Folgenden näher eingegangen werden, da er in der privaten Haltung am relevantesten ist. Weitere in Gefangenschaft gehaltene Arten wären beispielsweise der Wüstenigel (Paraechinus aethiopicus) und der Langohrigel (Hemiechinus auritus).

Die ebenfalls häufig gehaltenen igelähnlichen Tanreks (Hemicentetes spp.) gehören nicht zu den rund 25 Arten der Familie Erinaceidae.

Textfeld: Abbildung 1: Afrikanischer Weißbauchigel

Afrikanischer Weißbauchigel

 

Atelerix albiventris hat ein recht großes Verbreitungsgebiet und ist fast im gesamten Mittelafrika heimisch. Dort bewohnt er die unterschiedlichsten Habitate, vorwiegend Trockensavannen, doch ist er auch in Höhen bis über 1600m zu finden.

 

Seine Lebensweise ist nocturnal (nachtaktiv) und solitär (einzelgängerisch). Er ernährt sich insectivor (insektenfressend) bis omnivor (allesfressend). Weißbauchigel zeichnen sich durch einen hohen Bewegungsdrang aus. Ihr Verhalten ähnelt dem der europäischen Igel stark, auch spezielle Verhaltensweisen, wie das Selbstbespeicheln sind analog.

Bei niedrigen oder sehr hohen Temperaturen legt er eine Winter- bzw. Sommerruhe ein.

Ein normaler Weißbauchigel kann ein Maximalgewicht von 700g bei einer maximalen Kopf-Rumpf-Länge von 20 cm erreichen.

 

 

Exotische Igel als Heimtiere

 

Die Häufigkeit der Haltung dieser Tiere in Privathand ist zunehmend, was sich auch in der Anzahl der in tierärztlichen Praxen vorgestellten Tiere widerspiegelt.

Diese Tiere stammen aus dem Zoofachhandel, werden von Haltern, „Züchtern“ und Händlern auf Tierbörsen verkauft oder privat weitergegeben.

Der Trend hat seine Ursprünge in den USA, wo diese Tiere bereits auf bestimmte Merkmale hin selektiert und gezüchtet worden sind.

Neben diversen Farbvarianten ist eines dieser Merkmale ist eine geringe Körpergröße. Alleine durch ihre natürliche Kleinwüchsigkeit, verglichen mit unseren einheimischen Igeln, erscheint diese Tierart besser für eine Terrarienhaltung geeignet als andere. Durch weitere Zucht konnte sie noch besser an die Wünsche der Tierhalter angepasst werden.

In Deutschland sind Igel jedermann bekannt und sympathisch, doch durch seine Lebensweise recht fremd und durch das Bundesnaturschutzgesetz vor der Haltung in Gefangenschaft geschützt. Für die Haltung exotischer Igel gibt, vom Tierschutzgesetz abgesehen, keinerlei Einschränkungen.

Um haltungsbedingte Krankheiten und Verhaltensstörungen zu vermeiden, ist eine möglichst naturnahe Haltung empfehlenswert.  Hierzu gehört widerstandsfähiger Bodengrund, der Feuchtigkeit in der Tiefe speichern kann. Ausreichend Klettermöglichkeiten, häufige Veränderung der Einrichtung und verschiedene Versteckmöglichkeiten machen eine Haltung in Gefangenschaft artgerechter. Jedoch sollte jede Stelle des Terrariums durch den Halter zu erreichen und leicht zu reinigen sein.

Auch bei der Ernährung sollte auf Abwechslung geachtet werden. An Stelle von Katzenfuttern und Mehlkäferlarven sind bevorzugt verschiedene Insekten, Regenwürmer und Schnecken zu verfüttern. Spezielles Frettchenfutter (z.B. Totally Ferret®, Bosch Tiernahrung, Blaufelden-Wiesenbach) kann den Hauptbestandteil der Nahrung ausmachen und kann mit geringen Anteilen pflanzlicher Nahrung ergänzt werden. In jedem Fall ist eine Kalziumsupplementierung empfehlenswert.

 

 

Nachzucht

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Eine Nachzucht scheint relativ problemlos möglich zu sein und gelingt auch unerfahrenen Haltern. Ein  Wurf besteht aus zwei bis fünf Jungtieren. Nicht selten ist eine Handaufzucht notwendig, da das Muttertier nicht alle Jungen versorgen kann oder will.

Hierzu wird analog zur Aufzucht europäischer Igel fettreiche Ersatzmilch mit Fenchel- oder Kümmeltee unter Zusatz von B-Vitaminen verwendet.

Textfeld: Abbildung 2: Bei der Handaufzucht kann es schnell zu Todesfällen durch Überladung des Magen-Darm-Traktes kommen.Hierbei kann es durch unerfahrene Hände zur Überladung des Magen-Darm-Traktes kommen.

Im Falle von mit Blähungen einhergehenden Verdauungsstörungen eignet sich der Einsatz von Simeticon (Methysilox-Antitympanikum®, Almapharm, Kempten, Deutschland), 7mg/kg oral. In akuten Fällen kann eine Blasenpunktion für eine Minderung des intraperitonealen Druckes sorgen.

Gelegentlich auftretenden Krämpfen kann die orale Eingabe von Zuckerlösung und Kalzium-Magnesium-Lösung entgegenwirken.

 

Krankheiten

 

Wie es leider in der Haltung exotischer Tiere nicht selten der Fall ist, sind die meisten Erkrankungen haltungsbedingt, meist durch mangelnde Sachkenntnis der Halter. Da aus wissenschaftlicher Sicht über Weißbauchigel und deren Bedürfnisse recht wenig bekannt ist, orientieren sich die Haltungsempfehlungen an dem Wissen über europäische Igel.

 

Bei Verdacht auf eine Erkrankung ist ein Tierarzt aufzusuchen. Nur dieser kann Krankheiten sicher diagnostizieren und darf Medikamente einsetzen. Verschreibungspflichtige Medikamente sind nur nach tierärztlicher Anweisung einzusetzen. Eventuelle Ausnahmeregelungen für die Pflege kranker europäischer Igel erstrecken sich in keinem Fall auf exotische Igel.

 

Die Unterbringung der Tiere geschieht in Terrarien oder Kleintierkäfigen, mehr oder weniger naturnah eingerichtet. Ist die Größe dieser Behälter nicht ausreichend wird dem Bewegungsdrang der Tiere mit dem Einsatz von Laufrädern geantwortet. Hier kann es, ähnlich wie bei anderen Kleinsäugern, durch Verwendung ungeeigneter Materialien oder Bauweisen zu Verletzungen, Gliedmaßen- und Wirbelsäulenschäden kommen. Ein Freilaufenlassen ist wegen der Gefahr der Fremdkörperaufnahme, Verletzungsgefahr und ungünstigen klimatischen und hygienischen Bedingungen abzulehnen.

Mangelt es jedoch an Bewegung ist eine Verfettung mit der damit einhergehenden Überbelastung der Gelenke und Einschränkungen der Organfunktionen eine zwangsläufige Folge.

 

Textfeld: Abbildung 4+5: Milbenbefall durch Caparinia tripilis, oft einhergehend mit einer Pilzinfektzion.Textfeld: Abbildung 3: Fehlende Abnutzung der Krallen führt zu erhöhtem Längenwachstum, Verklebungen mit Kot können zu lokalen Entzündungen führen.krallen.jpgDie Wahl ungeeigneten Bodengrundes führt zu gesundheitlichen Problemen. Säge- und Hobelspäne  können, auch wenn sie frei von ätherischen Ausdünstungen sind, durch Staubbildung zu Entzündungen der Augen und der Atemwege führen. Zu weicher Bodengrund führt zu einer zu geringen Abnutzung der Krallen und unphysiologischer Fußstellung, die wiederum Läsionen und Verkrümmungen zur Folge haben können. Mangelnde Hygiene und zu feuchte Haltung können Hauterkrankungen verursachen. Neben diesen meist bakteriellen oder mykotischen Infekten treten auch parasitäre Hauterkrankungen und Mangelerscheinungen auf. Eine Behandlung muss nach entsprechender Diagnostik spezifisch erfolgen. So ist bei einem Verdacht auf eine Milbeninfektion (z.B. Caparinia tripilis oder Notoedres spp.) ein Hautgeschabsel zu untersuchen. Selamectin (Stronghold®, Pfizer, Berlin, Deutschland) hat sich als wirksam gegen Ektoparasiten und auch für Weißbauchigel gut verträglich erwiesen. Bei der Behandlung sind eventuelle Sekundärinfektionen (z.B. Hautmykose mit Trichophyton spp.) zu berücksichtigen. Kann keine infektiöse Ursache diagnostiziert werden, hat sich die orale Substitution von Biotin bewährt.

 

Vor der Behandlung bakterieller Infektionen jeglicher Art (Abszesse, Hautinfekte, Lungenentzündungen, Harnwegsinfekte etc.) mit Antibiotika empfiehlt es sich, eine mikrobiologische Untersuchung mit Resistenztest durchzuführen. Die Anwendung der häufig als Mittel der Wahl angesehenen Gyrasehemmer wie  Enrofloxacin (z.B. Baytril®, Bayer, Leverkusen, Deutschland) ist nicht immer die richtige Entscheidung und sollte insbesondere bei Jungtieren vermeiden werden. Häufig erweisen sich bei Abszessen z.B. Cephalosporine wie Cefquinom (Cobactan®, Intervet, Unterschleißheim, Deutschland) 2,5mg/kg als besser wirksam und verträglich. Hier empfiehlt sich nicht nur die systemische, sondern auch nach Räumung und Spülung der Abszeßhöhle eine lokale Behandlung (z.B. Cobactan LC® Euterinjektoren).

In jedem Fall muss jedoch die Ursache gefunden und abgestellt werden. Beispielsweise sind Abszesse und Entzündungen im Kopfbereich häufig durch Krankheitsgeschehen im Zahnbereich begründet und werden ohne entsprechende Behandlung nicht langfristig erfolgreich therapiert werden können. 

 

Auch Durchfälle müssen nicht unbedingt eine infektiöse Ursache haben. Auch hier sollte an erster Stelle eine ausreichende Diagnostik einschließlich einer parasitologischen Kotuntersuchung betrieben werden. Häufig sind sie stress- oder ernährungsbedingt und lassen sich mit Nahrungsergänzungsmitteln (z.B. Lactogel®, Almapharm, Kempten, Deutschland) regulieren.

 

Eine bekannte Erkrankung bei Weißbauchigeln ist das sogenannte Wobbly-Hedgehog-Syndrom, eine mit Ataxien einhergehende neurologische Erkrankung. Eine Therapie ist nicht bekannt, es empfiehlt sich jedoch die Gabe von B-Vitaminen um eine Hypovitaminose differentialdiagnostisch ausklammern zu können.

 

Wie auch bei freilebenden europäischen Igeln sind Tumore auch bei exotischen Igeln keine Seltenheit. Nach entsprechender Diagnostik kann diesen gegebenenfalls chirurgisch beigekommen werden.

 

Bei krank erscheinenden Igeln steht die Überprüfung und Optimierung der Haltungsbedingungen an allererster Stelle. Für geschwächte Tiere eignen sich Infusionen (z.B. Amynin®, Merial, Halbergmoos, Deutschland) und Immunmodulatoren (Zylexis®, Pfizer, Berlin, Deutschland).

 

Bei dem Umgang mit Igeln ist auch auf die Sicherheit der Halter, des Tierarztes sowie der Hilfspersonen zu achten. Durch Bissverletzungen kann es zu schwerwiegenden Infektionen bis hin zu einer Ansteckung mit Tollwut  kommen, doch auch die orale Aufnahme von Igelkot kann zu Salmonelleninfektionen, Herpesvirusinfektionen, Kryptosporidiose und anderen Zoonosen führen (siehe auch Riley PY, Chomel BB. Zoonotic and Potentially Zoonotic Viral, Bacterial, Protozoal, and Mycotic Zoonoses of Hedgehogs. Hedgehog Zoonoses, U.S. Department of Health and Human Services, Centers for Disease Control and Prevention, January 2005, http://www.cdc.gov/ncidod/EID/vol11no01/04-0752.htm). Dieses zoonotische Potential hat zu einem Haltungsverbot in einigen US-Bundesstaaten geführt.

 

Diskussion

Unter Berücksichtigung der erläuterten Haltungsanforderungen exotischer Igel ist eine tiergerechte  Haltung in Privathand durchaus möglich. Allerdings sind die Lebensweise und  somit die tatsächlichen Anforderungen an die Haltung dieser Tiere weitgehend unbekannt. Verstärkt durch die nicht immer möglichst optimale Umsetzung dieser durch viele Halter entstehen häufig gesundheitliche Probleme für die Tiere, die gegen eine Haltung sprechen.

Die Untersuchung der Tiere und eine Behandlung von Krankheiten müssen durch einen, möglichst auf Exoten spezialisierten Tierarzt erfolgen. Die Anwendung von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln durch Igelstationen ist ohne tierärztliche Anweisung nicht zulässig.