Europäische Landschildkröten werden seit vielen Jahren und in großer Zahl gerne bei uns gehalten. Dennoch werden leider immer wieder
viele Fehler gemacht, teilweise mit fatalen Folgen. Deswegen möchte ich hier kurz ein paar wichtige Dinge nennen, die zu berücksichtigen sind.
Über die richtige Ernährung gibt es viele verchiedene Ansichten. Dabei ist mit Blick auf die Herkunft der Schildkröten
und mit etwas Wissen über ihre Physiologie und Anatomie schnell zu erkennen, daß die Fütterung meist nicht artgerecht sein kann.
Der größte Fehler mit den verheerendsten Folgen ist die Fütterung von tierischem Protein (Eiweiß) an Landschildkröten, in
Form von Hackfleisch, Eiern, Insekten oder dem leider oft in der Literatur genannten Herzfleisch (das sind dann meist die gleichen Bücher, die das unsinnige bzw. schädliche Einölen/Eincremen des Panzers empfehlen...).
Selbst als Leckerbissen oder Ausnahme sollte dies ein absolutes Tabu sein. Als Bewohner trockener Gegenden können Landschildkröten den Harn stark konzentrieren um Wasser zu sparen.
Gerade deswegen dürfen Landschildkröten, so gerne sie es auch würden, kein tierischem Eiweiß fressen. Es ist reines Gift für sie, denn pflanzliches und tierisches Protein
werden auf unterschiedliche Weisen abgebaut.
Die Endprodukte beim Abbau pflanzlichen Proteins können problemlos durch die Schildkröte ausgeschieden werden.
Tierisches Protein aber verursacht ein Übermaß an giftigen Substanzen, die dann als Harnsäurekristalle (Urat) im
Schildkrötenkörper abgelagert werden. Es kommt zu Blasensteinbildung und zur Viszeralgicht, also der Uratablagerung in
der Leibeshöhle und den Organen, sowie zur schmerzhaften Gelenkgicht. Die Schildkröte lahmt und stellt die Futteraufnahme ein. Durch die Verstopfung der Nieren mit Harnsäurekristallen, werden diese vergrößert und verlieren ihre Funktion.
Das Blut der Schildkröte kann nicht mehr von giftigen Substanzen befreit werden, und das Tier stirbt.
Ein typisches Anzeichen ist eine Lahmheit in den Hinterbeinen, der Panzer liegt auf und verursacht oft dabei noch schwere Scheuerverletzungen.
Dies kommt daher, daß die vergrößerten Nieren einen Nerv abdrücken, der die Hintergliedmaßen versorgt.
Kommt ein solches Tier in die Praxis, berichten die erstaunten Besitzter oft, daß "ab und zu" etwas Katzenfutter gegeben wurde, "weil es ihr doch so gut schmeckt", oder auf den Rat eines "Züchters" oder Buches Ei, Bachflohkrebse o.ä. beigefüttert wurden.
Eine Blutuntersuchung bestätigt dann den Verdacht. Durch lebenslange tägliche Medikamentengabe kann der Prozeß
weitgehend aufgehalten werden, rückgängig zu machen sind die entstandenen Schäden aber leider nicht mehr.
Daher gilt, keine tierische Nahrung !
Wenn die Schildkröte selber mal einen Regenwurm fängt, kann man das natürlich nicht verhindern, aber bitte nicht zufüttern.
Sorgen Sie dafür, daß die Schildkröte immer genug zu trinken hat. Ein tägliches warmes Bad ist gut für die Verdauung und bei dieser Gelegenheit kann die Schildkröte, die sonst den Wassernapf
scheut und selber nicht so gerne baden geht, ausgiebig trinken. Melone, Tomate und Gurke sind gute Wasserspender, wirken sich aber ungünstig auf die Verdauung aus.
Denn der Rohfaseranteil in der Nahrung spielt eine bedeutenden Rolle. Rohfaser bedeutet schwerverdauliche Nahrungsbestandteile, in der menschlichen Ernährung oft Ballaststoffe genannt.
Diese wirken sich zum einen mechanisch positv auf die Verdauung aus: durch die Reize auf die Magen- und Darmschleimhaut wird die Muskelarbeit des Verdauungstraktes angeregt. Zum anderen bildet diese Rohfaser ein Gerüst im Verdauungstrakt, an dem sich Mikroorganismen ansiedeln, die, ähnlich wie bei Kühen, Pferden und anderen Pflanzenfressern, Substanzen aufschließen, die wir z.B. gar nicht verdauen können. Füttert man nun zu viel leichtverdauliches, süßes oder saures Futter mit einem zu geringen Rohfasergehalt (z.B. Obst !), kommt die
bakterielle Flora aus dem Gleichgewicht und die Schildkröte bekommt Verdauungsstörungen. Zu energiereiche Nahrung führt nicht unbedingt sofort zu einer Verfettung, aber zu einem zu schnellen Wachstum. Die Schildkröte ist zwar groß und viel zu früh geschlechtsreif, was wiederum weitere Stoffwechselprobleme mit sih führen kann, aber
durch das schnelle Wachstum ist das Skelett nicht auf physiologische Weise ausgebildet und die Schildkröte ist weniger widerstandsfähig. Insgesamt muß man den zuerst stolzen Besitzern einer Schildkröte, die mit drei Jahren bereits die Größe der achtjährigen Nachbarsschildkröte erreicht hat, leider mitteilen, daß die Lebenserwartung bei ihrem Tier um einiges geringer ist.
Das ideale Futter für Schildkröten wäre also eigentlich Heu und Wasser. So befremdlich das auch klingen mag, denken Sie an die Schildkröten, die Sie vielleicht einmal im Urlaub gesehen haben.
Dort können sich die Tiere glücklich schätzen, wenn sie mal ein trockenes Kraut finden. Das Heu sollte natürlich hochwertig sein, grün, nicht staubig und aus einer reichhaltigen Mischung aus Gräsern, Kräutern und (ungiftigen) Blumen.
Selbstverständlich dürfen Sie der Schildkröte auch mit etwas Gemüse ab und zu etwas Gutes tun. Möhren im Stück oder Kohlrabiblätter werden gerne gefressen. Besser sind köstlicher Löwenzahn, Giersch, Brennessel, Wegerich und was Sie oder die Schildkröte sonst noch im Garten finden; vermeiden Sie jedoch Pflanzen, die viel Oxalsäure enthalten (Sauerklee, Sauerampfer, Rhabarber etc.), denn diese entzieht dem Tier verfügbares Calcium und kann zu Steinbildung führen.
Ohnehin ist es sinnvoll den Schildkröten Calcium in Form von Sepiaschulp (dem "Tintenfischknochen", der oft als Ziervogelzubehör verkauft wird) oder Picksteinen für Tauben anzubieten. Pulverisiert über das Futter gestreut, in Bröckchen herumliegend und im Stück zum reinbeißen.
Dies verhindert auch oft die Aufnahme von Steinchen, die dann zu Verstopfungen führen kann. Zusätzlich kann das Futter gelegentlich mit einer Vitaminmischung aufgewertet werden, aber hier sollte nicht übertrieben werden, zumal die Schildkröten bei hochwertiger Fütterung und Freilandhaltung eigentlich keinen Vitaminmangel
erleiden dürften. Lesen Sie hierzu bitte das Infoblatt über Vitamine.
Wenn Sie keine grünen Wildpflanzen mehr finden und Sie nicht selber anbauen, können Sie auf Heucobs (Agrobs, Reptosan etc.) zurückgreifen. Dies sind Gräser und Kräuter getrocknet und in große Pelletform gepreßt, die nach Aufquellen in Wasser gerne gefressen werden (wegen Schimmelgefahr täglich wechseln !).
Sollten Sie Salat füttern, nehmen Sie bitte keinen Kopf-, Eisbergsalat. Bis auf Latuga romana ("Römersalat", "Romanasalat", "Latugasalat") haben Salate meist ein ungünstiges Calcium-Phosphor-Verhältnis.
Ein gut gewachsener Schildkrötenpanzer, nicht zu flach, nicht zu rund und vor allem gleichmäßig geformt, ohne Höcker, braucht nicht nur viel Zeit und die richtige Ernährung, sondern auch Sonnenlicht. Die Wärme und das Licht regen den gesmten Organismus an. Im Garten leben die Schildkröten richtig auf, dabei ist darauf zu achten, daß die Tiere jederzeit den Schatten aufsuchen können. Wichtig ist aber vor allem das UV-Licht,
das, wenn keine direkte Sonnenbestrahlung möglich ist, in jedem Fall anders bereitgestellt werden sollte. Lesen Sie dazu bitte das Infoblatt UV-Licht.
Ebenso wichtig für richtiges Wachstum und gesunde Schildkröten ist, insbesondere bei Griechischen und Russischen Landschildkröten, die Durchführung einer Winterruhe.
Die europäischen Landschildkröten :
Agrionemys horsfieldii - die Vierzehen- oder Russische Steppenschildkröte
an den Vordergliedmaßen nur vier Zehen, rundoval, schwacher Schwanzendnagel
lange Winterruhe nötig (bis zu sechs Monaten), Sommerruhe möglich, feuchtigkeitsempfindlich
Testudo hermanni - die Griechische Landschildkröte
Schwanzschild meist geteilt, Schuppen der Vordergliedmaßen klein, Schwanzendnagel
Winterruhe nötig
T. h. boettgeri - "Ostrasse" : plastronseitig schwarze Flecken T. h. hermanni - "Westrasse" : plastronseitig zwei Bänder T. h. hercegovinensis - "Dalmatinische Landschildkröte" : keine Inguinalschilder
Testudo graeca - die Maurische Landschildkröte
viele Unterarten
Schwanzschild meist ungeteilt, Schuppen der Vordergliedmaßen groß, kein Schwanzendnagel
(Testudo marginata - die Breitrandschildkröte)
(Testudo kleinmanni - die Ägyptische Landschildkröte)
Alle europäischen Landschildkröten sind im Anhang A der Europäischen Artenschutzverordnung aufgeführt. Das heißt das diese nur mit Genehmigung der zuständigen Behörde
gehalten werden dürfen. Lediglich Agrionemys horsfieldii steht im Anhang B und bedarf nur der Meldung. Details finden Sie hier, die zuständige Behörde für Düsseldorf hier.